Zuletzt aktualisiert am 13. August 2022 .

Oftmals liest man von der Vermutung, regelmäßiges, oder selbst einnmaliges Microdosing mit Psychedelika wie LSD oder Pilzen übt eine positive Entwicklung auf die eigene Kreativität aus. Leider gibt es dazu noch keinerlei 100%igen wissenschaftlich-gesichteren Hinweise bzw. wissenschaftlichen Studien, wie der Goldstandard der doppelverblindete Placebostudie, sodass man noch keine entgültigen Schlüsse zu ziehen vermag und neue Erkenntnisse mehr Fragen, als Antworten, aufwerfen.  Doch schwören die ersten Pilotstudien und viele Anektoten im Internet und in der Presse von der positiven Wirkung von Microdosing auf die Kreativität. Ich hab mir den aktuellen Stand der Dinge angesehen.

Zur Erinnerung: Bei einem Bruchteil einer normalen Menge an LSD oder Pilzen, versprechen sich Konsumenten keine Halluzinationen („Optics“) oder besondere Geistesblitze und sonstige Wirkungen, die LSD mit sich bringt, sondern unter anderem ein Tuning für Gedächtnis und Konzentration, verbesserte Reaktionsfähigkeiten oder eine positive Wirkung auf die sportliche Leistung usw. Oftmals liest man von Silicon Valley-Entwicklern oder führenden Geschäftsleuten, dass sie Microdosing betreiben und sich dies auch, zu den genannten Effekten, positiv auf ihre Kreativität auswirken soll.

Die drei Ziele des LSD-Microdosings

„Das erste und wichtigste Ziel ist eine höhere Leistungsfähigkeit sowie Zugang zu kreativerem und lateralem Denken zu erlangen, sich besser konzentrieren und dem Geist zu neuen und unkonventionellen Lösungswegen verhelfen zu können. Das zweite ist die Behandlung von pathologischen Zuständen wie Angst und Depression. Drittens soll den Menschen geholfen werden, ihre herkömmlichen psychopharmakologischen Medikamente loszuwerden, was angeblich durch eine zusätzliche Mikrodosierung stark erleichtert werden kann“ (Torsten Passie 2019)

Wie misst man überhaupt Kreativität?

Eine berechtigte Frage. Obwohl jeder Kreativität sicher anders definieren wird, hat sich in der Wissenschaft eine feste Definition durchgesetzt: Somit ist ein Mensch kreativ, der in der Lage ist, Dinge oder Ideen zu produzieren, die neu, ungewöhnlich – und nützlich sind. Dabei ist aber nicht alles was neu und originell ist, automatisch kreativ. Es muss in irgendeiner Form die Gesellschaft voranbringen. Dies ist auch mit einem guten Album oder Gemälde denkbar, denn es verändert die Musik- und Kunstwelt. ¹

Dieser Definition folgend, liegt also nicht nur Kunst im Auge des Betrachters…, sondern auch Kreativität! Sie ist abhängig von der sozialen, kulturellen und politischen Bewertung und Anerkennung der Gesellschaft und ist Volkswirtschaftlich gesehen sogar messbar: Etwa anhand der Anzahl an Patenten, die ein Land vorzuweisen hat.

Auch für indivuelle Menschen ist die Kreativität messbar. Vergleichbar mit Intelligentztests gibt es Kreativitätstests, die ermitteln, wie ausgeprägt das divergente und laterales Denken eines jeden einzelnen ist. Diese Arten des Denkens werden durch folgende Grundsätze charakterisiert:

  • Es wird zugelassen, dass vorliegende Informationen subjektiv bewertet und selektiv verwendet werden
  • Nicht jedes Zwischenergebnis richtig sein muss
  • Details nicht analytisch, sondern intuitiv erfasst werden
  • Gedankliche Sprünge und Assoziationen zugelassen werden
  • Ja/Nein-Entscheidungen vermieden werden
  • Auch nicht durchführbare Lösungen ein Schritt zum besseren Verständnis des Problems sein können
  • Konventionelle Denkmuster in Frage gestellt werden, indem etwa bewusst nach der unwahrscheinlichsten Lösung eines Problems gesucht wird
  • Ausgangssituation und Rahmenbedingungen nicht als unveränderbar hingenommen werden. (Stangl, 2020).(Verwendete Literatur
    Stangl, W. (2020). Stichwort: ‚divergentes Denken‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
    WWW: https://lexikon.stangl.eu/16043/divergentes-denken/ (2020-01-15))

Bei diesen Art von Kreativitätstests kann man aber eher von Originalitätstests sprechen, da etwa Fragen gestellt werden, bei denen man die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten einer Zeitung nennen soll. Wer hier Antworten gibt, die andere Testteilnehmer nicht nennen, bekommt Bonuspunkte. Hinzu kommt, dass mehr Faktoren über die eigene kreativität entscheiden, als bestimmte Denkkapazitäten. So spielt die Persönnlichkeit eine große Rolle, man sollte eine ausgesprägte Lust am Neuen haben, offen sein, selbstbewusst und letztendlich sollte man etwas dafür tun und die eigenen kognitiven Fähigkeiten ausbauen, oder sich einen Job oder Freunde suchen, die an Innovationen arbeiten oder belohnen.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass sich Kreativität eher schlecht wirklich messen lässt und auf viele äußere und innere Faktoren ankommt. Allerdings wiesen einige Studien doch positive Effekte von Microdosing auf eben genannte Denkarten, wie divergentes Denken, nach. Wie sehr diese pauschal auf alle Menschen zutreffbar sind, wird die Zukunft in weiteren und auführlicheren Studien zeigen. Nachfolgend einige kleine Erwähnungen bekannter Studien.

Was sagen die Studien zu LSD-Microdosing?

Eine der ersten Studien, die eine verbesserte Kreativität bei Microdosing ansprachen, war die von Thomas Anderson und Rotem Petranker von The Conversation, die unter diesem Artikel nachzulesen ist. Neben einer größeren Offenheit und Weisheit, waren die Konsumenten kreativer. Diese Kreativität bezieht sich den Autoren zufolge auf die Fähigkeit, aus Haushaltsgegenständen hilfreichere, ungewöhnliche und einzigartige Verwendungsmöglichkeiten zu entdecken, was unter divergentes Denken fallen sollte. (Bei dieser Studie wurde auch das konvergentes Denken verbessert.)

Eine weitere frühe Studie von den australischen Forschern Vince Polito und Richard J. Stevenson (Polito et Stevenson 2018), begleiteten sie sechs Wochen lang 14 Frauen und 49 Männer, die zweimal die Woche psychedelische Substanzen mikrodosierten und täglich einen Fragebogen ausfüllten, der u.a. Fragen zu ihrer Kreatitivät, Aufmerksamkeit und Produktivität stellte. Vor und nach der Studie wurden ausführliche Persönlichkeitstests der usprünglich 100 Teilnehmer durchgeführt. Konsumierte wurde dabei mit im Schnitt 14ug pro Einnahme von LSD, 0,3g Zauberpilzen und seltener mit dem meskalinhaltigen Kaktus San Pedro oder anderen Psychedelika wie DOB und 4-HO-MET.

Die Auswertung zeigte zwar eine signifikante Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit, Glücksgefühlen, Verbundenheitsgefühlen, Produktivität und auch Kreativität, allerdings hielten diese Effekte nur an den Tagen des Mikrodosierens. Bis auf die Produktivität verflüchtigten sich alle Effekte wieder nach einem Tag. An Langzeiteffekten konnte man zwar eine starke Verbesserung von Depression, Stress und Konzentrationsfähigkeit bei einigen Probanden nach den sechs Wochen feststellen, aber leider keine nenneswerte Erhöhung der Kreativität.

Erwähnen sollte man auch, dass es zuzüglich den Studien sich dutzende von Erfahrungsberichten von Konsumenten lesen lassen, die an einem kreativen Projekt arbeiten, Künstler sind oder anderweitig eine verbesserung ihrer Kreatitivät bemerkten. Diese lassen sich z.B. auf /r/microdosing auf Reddit finden. Aber auch hier die Warnung: Wie viel davon Placebo ist – und wie viel nicht – kann nur die Zukunft zeigen. Es bleibt spannend.

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